jugenddrehscheibe on tour: Das Web-TV-Projekt „Auf Arbeit“

Das Web-TV-Projekt „Auf Arbeit“ bietet jungen Menschen Einblicke in verschiedene Berufsfelder. Wie kam es zu der Idee? Auf welchen Kanälen läuft das Projekt? Wie wird es finanziert? Diese und weitere Fragen beantworten Christina zur Nedden und Mark Heywinkel, die Gründer von „Auf Arbeit“, im Interview mit Erik Koszuta und Julius Erdmann von der jugenddrehscheibe.

 
 

„Auch auf YouTube werden rechtsextreme Ideologien verbreitet.“

Bildschirmfoto 2014-07-04 um 11.18.22„Hey Mr. Nazi, komm’ auf meine Party. Ich stell’ dir meine Freunde vor!“, singt Blumio in seinem Song „Hey Mr. Nazi“. Der deutsche Rapper mit japanischen Wurzeln wendet sich darin auf offene und humorvolle Weise gegen Fremdenfeindlichkeit. Und weil diese Botschaft möglichst viele Jugendliche erreichen soll, hat die Bundeszentrale für politische Bildung eine Kampagne gestartet, bei der man selbst kreativ werden kann.
Bei „YouTuber gegen Nazis“ interpretieren bekannte YouTuber, wie Albertoson, Simon Desue oder Y-Titty, Blumios Song neu und ermuntern die Community, es ihnen gleich zu tun. Die eingereichten Videos wurden bei der Verleihung des Deutschen Webvideopreises 2014 am 24.5. im Düsseldorfer Capitol gezeigt. Jetzt geht die Kampagne in die nächste Runde. Die jugenddrehscheibe sprach mit Clemens Stolzenberg, einem der Akteure hinter der Aktion.

 

 

 

 

Herr Stolzenberg, warum hat sich die bpb ausgerechnet für eine YouTube-Kampagne entschieden?

 

 

Junge Menschen verbringen viel Zeit im Internet, besitzen ein Smartphone und nutzen regelmäßig Plattformen wie Facebook und YouTube. Hier werden Jugendliche mit den unterschiedlichsten Positionen konfrontiert – und eben auch rechtsextremistischen Denkweisen und Haltungen. Deshalb ist es wichtig, mit der Rechtsextremismusprävention genau dort hinzugehen, wo sich junge Nutzer im Netz aufhalten. Den Jugendlichen soll dabei geholfen werden, gegen rechtsextreme Meinungen Stellung zu beziehen und sich gegen diese zu immunisieren. Da auch auf YouTube rechtsextremistische Ideologien verbreitet werden, lag der Schritt im Rahmen der Kampagne mit bekannten YouTube-Künstlern zusammenzuarbeiten da sehr nahe.

 

 

Wie werden die Youtube-Stars ausgewählt?

 

 

Natürlich orientieren wir uns daran, welche YouTube-Künstler bei Jugendlichen populär sind. Es ist gut, ihre Reichweite zu nutzen, um möglichst viele anzusprechen. Gleichzeitig schauen wir aber auch, welche YouTuber sich mit gesellschaftlichen Themen beschäftigen, bei denen es also inhaltliche Schnittstellen gibt. Es gibt aber auch Künstler, die von der Kampagne erfahren haben und uns ansprechen, weil sie sich beteiligen wollen.

 

 

Wie läuft die Organisation und Moderation der Kampagne?

 

 

Wir kommen auf den unterschiedlichsten Plattformen mit den Jugendlichen ins Gespräch. In der ersten Phase der Kampagne waren das die einzelnen Kanäle der YouTube-Künstler. Diese wurden von den Künstlern eigenständig moderiert. Wir bieten fachliche Expertise an und haben z.B. mit den Künstlern gesprochen, um sie für rechtsextremistische Argumentationsmuster zu sensibilisieren. Jetzt, in der mittlerweile dritten Phase der Kampagne, wollen wir noch direkter mit den Nutzern in Kontakt kommen und sie noch stärker in die Kampagne einbinden. Daher planen wir unter dem Motto „Aus dem Netz auf die Straße“ eine „SummerRoadTour“ durchs Land, bei der wir auf verschiedensten Festivals präsent sein werden, über die Kampagne informieren und Video-Botschaften aufnehmen, die sich für mehr Toleranz und gegen rechtsextremistisches Denken und Handeln aussprechen. Die Kampagne begleiten wir weiterhin mit unserem Facebook-Profil, wo Info-Postings weitere Diskussionen anstoßen werden.

 

 

Wie wird mit tendenziösen Kommentaren umgegangen?

 

 

Es gibt natürlich rechtsextremistische Kommentare. Das liegt an der Offenheit des Mediums. Die Diskussion im Netz wird aber sehr aktiv geführt und in der Regel werden solche Kommentare dann auch relativ schnell von anderen Nutzern zweit- und drittkommentiert und so neutralisiert. Kommentare, die eindeutig strafrechtlich relevant sind, werden für alle sichtbar von der Moderation gelöscht.

 

 

Wie sehen die Einreichungen aus?

 

 

Wie man auf unserer Seite youtubergegennazis.de sieht,  sind die bisher eingereichten Beiträge sehr vielfältig und unterschiedlich. Manche Nutzer singen selbst und benutzen den Song von Blumio, um ihr eigenes Remake von dem Song zu machen – wir haben hier auf der Webseite Soundalikes bereit gestellt, die kostenfrei genutzt werden können. Andere arbeiten eher textlich und schicken ein Video-Statement, andere animieren einen kurzen Clip oder drehen einen kleinen Kurzfilm. Diese unterschiedlichen Herangehensweisen an das Thema sind natürlich ganz im Sinne einer Kampagne, die sich für Toleranz und Vielfalt ausspricht.

 

 

Sind sie zufrieden mit der Resonanz?

 

 

Die zweite Phase der Kampagne hatte Ende April begonnen und endete mit einem Auftritt der Kampagnen-Künstler auf dem Deutschen Webvideopreis in Düsseldorf. Die Kampagne wurde dort präsentiert, zeitgleich fand ein Life-Stream auf YouTube statt.  Innerhalb des relativ kurzen Zeitraums hatte die Kampagne deutlich an Fahrt gewonnen – innerhalb kürzester Zeit hatten wir über 60 Einreichungen und 1000 Fans auf Facebook und die Interaktion und das Engagement der Nutzer sind seitdem nochmals angestiegen. Wir haben gemerkt, dass das Interesse an der Kampagne weiterhin groß ist und das war dann auch für uns ein Grund, über eine Fortführung der Kampagne nachzudenken. Die dritte Phase der Kampagne startet daher jetzt im Juli. Den Endpunkt setzen wir dann mit einem größeren Schlussevent Mitte August.

 

 

Wie lange kann man seine Clips noch einsenden?

 

 

Beiträge können bis Mitte August eingesandt werden, die finale Frist dafür geben wir in den kommenden Tagen auf youtubergegennazis.de bekannt.

 

 

Alle Infos und Videos gibt es auf youtubergegennazis.de.

 

 

Interview: Andrea Hahn

 

Kids Verbraucheranalyse 2013: Was Kinder wollen

Ralf Bauer

Ralf Bauer ist Studienleiter der Kids Verbraucheranalyse 2013

Der ABC-Schütze mit dem Tablet-Computer in der Hand – dass Kinder ganz selbstverständlich in das digitale Zeitalter hineinwachsen und oft ihre Eltern in Sachen Medienkompetenz schlagen, ist unbestritten. Doch entspricht das Bild des daddelnden Kindes, das nur selten oder nie ein Buch in die Hand nimmt, der Wirklichkeit? Die alljährliche KidsVerbraucherAnalyse (KidsVA) untersucht das Medien- und Konsumverhalten von Kindern im Alter von 6 bis 13 Jahren. Das diesjährige Ergebnis überrascht. Kinder greifen häufiger zu Printprodukten als gedacht. Im Gespräch mit der Jugenddrehscheibe erklärt Ralf Bauer die Ergebnisse der Studie.


Herr Bauer, in der Kids Verbaucheranalyse 2013  kam heraus, dass mindesten 81 Prozent der Kinder mindestens einmal wöchentlich ein Buch oder eine Zeitschrift  lesen, während die Internetnutzung seit einigen Jahren stagniert. Wie kann man das erklären?  



Beim Internet muss man bedenken, dass die Nutzerschaft in zwei Gruppen zerfällt. Auf der einen Seite die Kinder ab 9 bis 10 Jahren, die fast alle im Netz sind (94 Prozent) und dann die 6 bis 9-Jährigen, bei denen aktuell rund die Hälfte ins Netz darf (51Prozent). Besonders bei den Jüngeren sind es also die Eltern, die noch skeptisch sind ihre Kinder frühzeitig den Zugang ins Netz zu gestatten.


Sie führen diese Studie schon seit 20 Jahren durch.  Haben Sie dabei die Beobachtung gemacht, dass Printprodukte von digitalen Medien verdrängt werden oder ist einfach nur ein neues Medium hinzugekommen?


Die Mediennutzung war über all die Jahre zwar immer gewissen Schwankungen ausgesetzt und hing z.B. auch bei Büchern immer auch von starken Themen ab (Stichwort Harry Potter), aber insgesamt kann man schon sagen, dass digitale Medien die Printprodukte nicht verdrängt haben.
Die Studie misst allerdings nicht das mediale Zeitbudget pro Medium – hier könnten sich eventuell doch durch die Addition neuer Medien Verschiebungen ergeben haben.


Können Verlage also aufatmen, weil auch die nachfolgenden Generationen ganz selbstverständlich zu Zeitungen und Büchern greifen? Oder sind es vielmehr die Eltern, die ihren Kindern Geschichten vorlesen?


Sicherlich werden Kinder über die Eltern an Bücher und Zeitschriften herangeführt, indem zuhause vorgelesen und gemeinsam Bücher und Zeitschriften durchgeschaut werden. Wie uns die Zahlen der vergangen Jahren zeigen ist dann, sobald die Lesefähigkeit der Kinder steigt und damit die Selbstständigkeit bei der Print-Nutzung, nicht Schluss mit Lesen. 
Spannende Inhalte und Themen werden daher weiter in Büchern und über Zeitschriften Leser finden.


Was schätzen Kinder an gedruckten Medien?


Zeitschriften bieten den Kindern eine Vielzahl an Möglichkeiten – neben dem Lesen von Comics und Geschichten, sind es Bastel-, Rätsel – und Beschäftigungsseiten. Dazu kommen dann noch Extras wie Poster oder kleine Spielzeuge auf den Magazinen. Das alles rund um einen Lieblings-Charakter oder ein interessierendes Thema. Die KidsVA zeigt, dass Kinder an Magazinen vor allem Spaß und Freude haben (96 Prozent), die Titel gerne immer wieder durchblättern (83 Prozent) und auch was dadurch etwas lernen (84 Prozent).


Ralf Bauer ist Studienleiter der KidsVA und Leiter für Markt- und Mediaforschung beim Egmont Ehapa Verlag.

Kontakt:
Ralf Bauer
(030) 24 00 81 18
r.bauer@egmont.de

JETZT.DE : Opa 2.0

Bild 4Als er geboren wurde, war das Radio brandneu und das Internet noch nicht mal in der Science Fiction-Welt angekommen. Jetzt ist Charlottes Opa 83 Jahre alt, hat einen eigenen Facebook- und Twitter-Account und zeigt auch sonst reges Interesse am aktuellen Zeitgeschehen. Seine Enkelin erkannte sein Potential und schuf für Opa Gottfried eine eigene Rubrik auf Jetzt.de.
Einmal im Monat interviewt sie nun ihren Großvater, befragt ihn zu seinen persönlichen Entdeckungen im Internet und entlockt ihm Gedanken zu den Geschehnissen der vergangenen Wochen. So kommentiert er die Papstwahl, Genderfragen und netzspezifische Phänomene. Interessant ist, wie er seine lange Lebenserfahrung immer wieder auf aktuelle Themen anwendet und Bezüge zu Vergangenem herstellt.
Es zeigt sich, dass das Internet für den Dialog zwischen den Generationen keine unüberwindbare Grenze darstellt. Auch die Leser können über Twitter, per Mail oder in der Kommentarleiste Kontakt aufnehmen und Fragen stellen, die im folgenden Interview aufgegriffen werden.

Interview mit Markus Mörchen

Bei der Blitz-Kindermedienkonferenz zum Thema „Krisenberichterstattung für Kinder“ wurde klar: es braucht Nachrichten für Kinder. Und die müssen anders gemacht werden als Erwachsenennachrichten. Einige Tipps aus der Praxis dazu hält Markus Mörchen, verantwortlicher Redakteur der Kinder-Nachrichtensendung logo! des ZDF (ausgestrahlt in ZDF tivi und auf dem KI.KA), für die jugenddrehscheibe im Interview bereit:



Herr Mörchen, warum ist es so wichtig, kindgerecht über Krisen und Katastrophen zu berichten?


Es gibt vor allem einen Grund dafür: Kinder bekommen gerade große Krisen mit. Aber das, was sie mitbekommen, verstehen sie nicht automatisch. Und deshalb braucht man Nachrichten, die solche Krisen auch für Kinder verständlich erklären.


Wie sieht die Krisenberichterstattung bei logo! aus?


Als Erstes wollen wir wissen, was die Kinder für Fragen haben. Sie melden sich ganz automatisch bei uns – logo! ist längst zu einer Instanz geworden. Da kommen dann auch wahnsinnig viele Fragen zu so einem Ereignis wie in Japan und wir versuchen dann, möglichst viele davon zu beantworten.


Was sind die Grundregeln bei der Krisenberichterstattung für Kinder?


Das Wichtigste ist, nur eine Frage zu stellen, die man dann auch beantwortet. Die Kinderfrage – wie wir sie nennen – sollte man möglichst klar und eben aus Kindersicht formulieren. Und sie dann in verschiedenen Erzählschritten, mit einem ganz klaren Erzählsatz, erklären und dabei natürlich eine einfache Sprache verwenden, z.B. kurze Sätze, einfache Worte usw.. Wichtig ist es auch, eine sehr hohe Text-Bild-Korrelation zu haben – also eine hohe Übereinstimmung zwischen Text und Bild.


Gibt es auch Tabus?


Thematisch gibt es keine Tabus bei logo! – wir machen jedes Thema, wenn wir merken, dass es für Kinder interessant ist und erklärt werden muss. Aber es gibt sie bei der Art der Berichterstattung, z.B. der Auswahl der Bilder. Wir können nicht jedes Bild aus den Erwachsenennachrichten zeigen, denn viele Bilder lösen zusätzliche Assoziationen, Fragen und Sorgen aus. Diese Bilder sondern wir dann auch aus. Und natürlich achten wir darauf, nichts zu machen, was Kinder nicht richtig verstehen. Wichtig ist es, möglichst geradlinig über etwas zu berichten, also sachlich und nicht emotional aufgeladen. Man sollte beispielsweise nicht mit Musik überdramatisieren.


Sind Comics der bessere Weg?


In unseren Erklärstücken haben wir zwar keine Comics, aber Zeichentrickfiguren und eine Zeichentrickwelt. Das ist natürlich wesentlich einfacher, weil sich so Dinge versachlichen lassen. Emotional sehr aufgeladene Dinge würden da nicht auftauchen und entsprechend keine so emotionalen Reaktionen hervorrufen. Deswegen ist eine Versachlichung über Zeichnungen ein sehr guter Weg.


Gibt es neben der Post der Kinder noch weitere Formen der Zusammenarbeit mit Kindern bei logo!, über die Sie auf Themen aufmerksam werden?


Es gibt bei uns die Kinderreporter, die logo!-Redezeit und wir sind auch oft in Schulklassen unterwegs. Wichtiger ist aber tatsächlich, was Kinder schreiben, weil man da direkt das Stimmungsbild abfragen kann. Denn aus Erfahrung wissen wir, dass die Kinder ganz viele Fragen haben und sich bei uns melden, wenn über etwas ganz groß berichtet wird und das Thema Kinder emotional berührt. Diese Fragen müssen wir dann auch beantworten. Wir schauen natürlich aber auch, worüber die Zeitungen und die anderen Nachrichtensendungen berichten.


Was muss in Sachen Kinderberichterstattung in Zukunft passieren?


Wir müssen versuchen, Kinder auf verschiedenen Wegen zu erreichen. Wir machen das heute bei logo! vorrangig über TV, natürlich auch über das Internet – unsere Onlineseite auf logo.de wird täglich mehrfach aktualisiert, und dort sind auch die TV-Sendungen noch sieben Tage nach Ausstrahlung abrufbar. Darüber hinaus gibt es natürlich noch zusätzliche Wege und dadurch, dass sich die Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen massiv verändert, müssen auch wir auf solche Veränderungen reagieren. Und ich glaube, da liegt viel Arbeit vor uns.


Haben Sie Ideen, wie man das umsetzen kann?


Das ist nicht ganz einfach, weil zum Beispiel social media-Plattformen wie Facebook offiziell erst ab 13 Jahren freigegeben sind.  Wir wenden uns an die Zielgruppe der acht- bis zwölfjährigen, d.h. wir dürfen uns aufgrund der rechtlichen Bestimmungen gar nicht offiziell über Facebook äußern. Es müssen sich erst noch viele Rahmenbedingung ändern, damit wir auf solche Entwicklngen reagieren können. Ich glaube, wir brauchen auch noch ein viel stärkeres finanzielles und personelles Potential in den Redaktionen, um darauf reagieren zu können.


Bei den logo!-Kindernachrichten geht es nicht nur um Krisen. Warum ist es so wichtig, auch über positive Dinge zu berichten?


Man braucht auch die gute Nachricht, das gilt nicht nur für Kindernachrichten. Aber dort ist sie besonders wichtig, damit die Kinder sehen, dass es auch gute Dinge gibt, die auf der Welt passieren. Auch bei uns in der Nähe gibt es Berichtenswertes, das für uns vielleicht sogar noch wichtiger als das ist, was in Japan passiert. All das müssen und wollen wir bei logo! zeigen. Eben auch Dinge, die auf dem Schulhof passieren, die den Kindern ganz nah und die sehr positiv sind, über die man vielleicht sogar lachen kann: Themen, die unmittelbar mit ihrem Lebensumfeld und ihren Interessen zu tun haben, zum Beispiel die Schule, Stars oder Sport.


Vielen Dank!



Die ZDF-Kindernachrichten “logo!“, die 2010 mit dem Deutschen Fernsehpreis in der Kategorie „Beste Information“ ausgezeichnet wurden, laufen immer samstags um 8.50 Uhr in ZDF tivi, dem Kinder- und Jugendprogramm des ZDF und außerdem täglich im KI.KA.

„Kinder bekommen die Grausamkeiten mit“

Seit rund fünf Jahren erscheint im Hellweger Anzeiger eine Seite, die lokale und internationale Ereignisse speziell für Kinder aufbereitet. Auf der Blitz-Kindermedienkonferenz berichtete Chefredakteur Volker Stennei von den Erfahrungen der Redaktion und erklärte, worauf seine Mitarbeiter bei den Kinder-Nachrichten achten müssen. Die drehscheibe sprach mit ihm über das Erfolgsgeheimnis der Kinderseite und die besondere Herausforderung bei kleinen und großen Dramen.



Herr Stennei, merken Kinder überhaupt etwas von solchen Katastrophen wie zuletzt in Fukushima?


Kinder bekommen die Grausamkeiten dieser Welt mit. Genauso wie Erwachsene zappen sie durchs Fernsehprogramm, schauen in die Zeitung, surfen durchs Internet und hören Radionachrichten. Insofern sind sie über solche Katastrophen wie in Japan ganz schnell informiert. Deswegen müssen wir berichten und versuchen, die Fragen zu beantworten, die Kinder haben. Und Kinder stellen oft solche Fragen, die Erwachsene oft nicht zu stellen wagen: Was passiert mit den Autos, die von der Tsunami-Welle weggespült werden, was passiert mit den eingestürzten Häusern, wo geht der ganze Schutt hin? Da sind hoch spannende Geschichten dabei, die wir so erklären müssen, dass sie auch Erwachsene begeistern.


In welcher Form hat der Hellweger Anzeiger versucht, ein solch gravierendes Ereignis kindgerecht zu verpacken?


Indem wir wie bei unserem Ressort „Aus aller Welt“ wegen den Ereignissen in Japan die ursprüngliche Blattplanung an diesem Freitag über den Haufen geworfen haben. Wir haben den Umfang erweitert und auch schon für den Samstag sehr ausführlich berichtet. Für den Sonntag haben wir zusätzliche Arbeitskräfte in die Redaktion bestellt, um nicht nur mit Sonderseiten für Erwachse, sondern auch mit einer Kinder-Sonderseite auf die Katastrophe zu reagieren.


Bis heute berichten sie von der Katastrophe in Japan. Wie hat sich die Berichterstattung seitdem verändert?


Sie hat sich so entwickelt, wie sich die Situation verändert hat. In den ersten Wochen war sie geprägt von der Angst: Was passiert dort in Japan, wird ein Land unbewohnbar, gibt es einen Gau in den Atom-Kraftwerken? Dann kam aber die noch spannendere Diskussion: Was lernen wir daraus? Was bedeutet es für uns, wie gehen wir in Deutschland damit um? Auch darum, den Kindern zu erklären, warum Atomkraftwerke bis vor drei Monaten für die Bundesregierung das Schönste und Sicherste waren. Und plötzlich dann ein absolutes No-Go, von dem man sich so schnell wie möglich verabschieden muss. Man muss also auch Kindern erklären, warum sich solche Diskussionen verändern.


Wie unterscheiden sich das geschriebene Wort und die Bildsprache, die Journalisten für ein junges Publikum einsetzen, von dem, was man Erwachsenen zumuten kann?


Wir dürfen keine Angstfantasien produzieren. Das passiert normalerweise sehr schnell durch die Bilder. Deswegen ist gerade die Bildauswahl auf der Kinderseite eine sehr sensible, die besonderen Gesetzmäßigkeiten unterliegt. Ein Beispiel: Nachdem Saddam Hussein hingerichtet worden war, hat es die Nachricht dazu auch auf unserer Kinderseite gegeben – aber kein Bild, nicht mal eins, als er noch lebte.


Haben Sie auf Ihrer Kinderseite auch vom Tod Osama bin Ladens berichtet?


Selbstverständlich. Auch das haben wir erklärt. Eine hoch spannende Frage, die wir sehr sensibel angepackt haben: Wie kann es sein, das sich die Vereinigten Staaten und weite Teile der westlichen Welt über den Tod eines Menschen freuen? Was hat das noch mit einer zivilisierten Gesellschaft zu tun?


Welche Resonanz bekommt der Hellweger Anzeiger von seinen jungen Lesern und ihren Eltern, und wie lernt die Redaktion aus diesem Feedback?


Es gibt zunächst mal eine in Zahlen messbare Resonanz: Wir sind eine der wenigen deutschen Tageszeitungen, die eine steigende Abo-Auflage hat. Wir wissen aus Erhebungen, dass das ein Resultat unseres Angebotes ist, das Kinder und Erwachsene ganz anders anspricht als noch vor fünf Jahren. Wir lernen von den Kindern bei regelmäßigen Redaktionsbesuchen, die wir ermöglichen. Das Schöne ist, die kommen rein und sagen ganz offen, „das hat mir gefallen, das hat mir nicht gefallen.“ Oder: „Schreibt da mal rüber, oder darüber will ich nichts mehr lesen.“ Außerdem ist unsere Kinderredakteurin Nicole Brückner permanent in Schulen unterwegs. Wir haben gerade ein großes Projekt beendet, das über ein Jahr lang mit 16 Grundschulen gelaufen ist und bei dem es einen ganz engen Draht zwischen der Redakteurin und unseren Lesern gegeben hat.


Gibt es auch so etwas wie lokale Katastrophen, von denen man Kindern erzählen muss?


Selbstverständlich. Ein großer Brand in einer Kleinstadt beispielsweise muss Kindern ebenfalls erklärt werden. Auch da mit ganz besonderer Sensibilität und mit ganz dezenter Bildsprache. Dabei stelle ich allerdings auch immer wieder fest, dass Redakteure in allen Gattungen noch sehr unsicher sind, was eine kindgerechte Sprache und Bildauswahl sind. Hier würde ich mir wünschen, dass in den Journalisten-Ausbildungen – vom Volontariat bis zum Studiengang – der Fokus auch auf junge Leser erweitert wird. Die heutigen Volontäre können am Ende des Volontariates für 80- und 40-Jährige schreiben oder senden, sind aber völlig unsicher, wenn sie es für Neunjährige tun sollen. Dabei müssen wir Journalisten Kinder endlich als ganz normale Leser und Hörer begreifen.



Interview: Andreas Pankratz

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