Lukas, die Musterung gehört ja nicht gerade zu den angenehmen Erfahrungen des Lebens. Wieso bist Du ein zweites Mal hingegangen?
Auslöser war eine erneute Diskussion über den Sinn der Wehrpflicht zu der Zeit. Wir diskutierten in der Redaktion, wie wir das Thema auf die lokale Ebene bringen können. Dabei sind wir auf das Musterungszentrum Göttingen und die Idee der "zweiten" Musterung gekommen.
Zu meiner ersten Musterung musste ich 2004, also vor fünf Jahren im Alter von achtzehn Jahren. Damals sind für mich einige Fragen offen geblieben. Zum Beispiel, wozu sind die einzelnen Tests gut? Und was bedeuten die Abkürzungen, die der Arzt für meine Einstufung benutzt? Mit der Probemusterung hatte ich die Chance, diese Fragen zu klären.
Wie bist Du das Thema angegangen?
Wir haben es als Reportage mit vielen Fotos gestaltet, damit sich der Leser die ganze Situation vorstellen kann. Ich wollte den Leser mitnehmen, ihn ansprechen, damit Männer das Beschriebene vielleicht mit eigenen Erfahrungen vergleichen können und Frauen nachvollziehen können, was bei einer Musterung passiert.
Gab es Probleme bei der Bundeswehr als Journalist einen Termin für eine Probemusterung zu kriegen? Immerhin gilt sie ja gemeinhin als sehr bürokratische Institution.
Das war gar nicht so einfach. Ich musste mit verschiedenen Ansprechpartnern in verschiedenen Wehrdienstzentren telefonieren. Um an einen Termin für das Göttinger Musterungszentrum zu kommen, brauchte ich aber keine schriftlichen Anträge stellen. Nach ungefähr einer Woche Wartezeit und Rücksprache mit den Verantwortlichen bekam ich dann den Termin.
Hast Du dich auf die Untersuchungen vorbereitet, zum Beispiel auf den Fitnesstest?
Überhaupt nicht. Ich hatte keinerlei Vorbereitung. Mein patriotisches Outfit – Trikot der deutschen Fußballnationalmannschaft und Badehose – war allerdings geplant.
Was geschah bei der "zweiten Musterung"?
Also zuerst wurde ich aufgenommen und die Leiter der Wehrdienstzentren gaben mir in einem Vorgespräch allerlei Informationen rund um die Bundeswehr. Da wir das Ganze aber als Erlebnisbericht aufziehen wollten, habe ich mich im Artikel auf meine persönlichen Eindrücke und Rückfragen mit dem Arzt gestützt. Informationen zur Musterung an sich, haben wir in einem Kasten neben dem Artikel zusammengefasst. Nach der Aufnahme kam die Überprüfung der Personaldaten und anschließend wurde ich ärztlich kontrolliert. Da ich als Journalist da war, musste ich zum Glück keine Urinprobe oder dergleichen abgeben. Bei der anschließenden Eignungsuntersuchung und Eignungsfeststellung verschaffte ich mir lediglich einen Eindruck von der Art der Fragen.
War Deine Musterung als Journalist anders als die Musterung als Privatmann?
Neben dem untersuchenden Arzt und seinen Arzthelferinnen waren diesmal auch noch der Leiter der allgemeinen Wehrangelegenheiten und der Koordinator des Musterungszentrums Göttingen im Untersuchungszimmer. Dazu waren noch drei Vertreter des Musterungszentrums und natürlich unser Fotograf mit dabei. Als es dann an die medizinische Untersuchung ging, bot der Arzt mir an, die Herren aus dem Raum zu schicken. Da es aber nur eine Probeuntersuchung war, konnte ich die Unterhose anbehalten und die Herren durften bleiben.
Hast Du die Unterschiede im Text thematisiert?
Die fremden Anwesenden habe ich im Artikel ausgelassen, da offiziell keiner bei der Musterung dabei sein darf. Mich störte es aber auch nicht, da es ja nur eine Probemusterung für mich war. Außerdem fand ich dieses Faktum unerheblich für den Text.
Wie hast Du den Artikel geschrieben?
Das Meiste habe ich aus dem Gedächtnis geschrieben. Die Eindrücke und Empfindungen sollten authentisch rüberkommen. Ich habe mir aber während der Untersuchungen wichtige Fakten wie Codewörter oder Schlüsselnummern für Körperteile und Gesundheitszustand notiert. Dinge, die einfach stimmen mussten! So sagte der Arzt "III 59" zu seiner Arzthelferin, während er meine Knie untersuchte. Da bedeutet übersetzt: 59 als Ziffer für den Köperteil Gelenke und römisch drei beschreibt den Zustand ebendieser. Insgesamt dauerte die zweite Musterung drei Stunden.
Wie reagierten die Verantwortlichen und wie reagierten die Leser?
Der Artikel kam gut bei allen Beteiligten und den Lesern an. Ich bin noch nie so häufig auf meine Badehose angesprochen worden, wie nach diesem Artikel. Es gab nur einen kritischen Brief von einem Anwalt, der meinte, dass wir das Problem des Militarismus nicht aufgegriffen hätten. Aber darauf war der Artikel ja nicht angelegt. Wir wollten lediglich eine Musterung so authentisch wie möglich beschreiben.
Interview: Virginia Wegner
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