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Du hast die Wahl!Mit politischen und wahlrelevanten Themen sind Jugendliche nur schwer zu "Das Interesse von Jugendlichen an Politik ist weiterhin niedrig ausgeprägt." So lautet eines der Ergebnisse der Shell Jugendstudie 2006. Besonders den politischen Parteien bringen die 15- bis 24-Jährigen wenig Vertrauen entgegen. Da verwundert es nicht, dass gerade in dieser Zielgruppe die Wahlbeteiligung gering ausfällt. Bei den Bundestagswahlen 2005 gingen nur 66,5 Prozent der 21- bis 25-Jährigen an die Urne – im Vergleich aller Altersgruppen die niedrigste Wahlbeteilung. Nicht nur in politischen Kreativschmieden, sondern auch in vielen Redaktionen wird daher nach Wegen gesucht, politische Inhalte an junge Zielgruppen zu vermitteln und die „pragmatische Generation“ zum Wahlgang zu bewegen.
Zu den Kommunalwahlen 2008 in Brandenburg startete in Potsdam das Projekt "Ich wähle, weil...", eine Internet-Kampagne, mit der gezielt Erst- und Jungwähler angesprochen werden sollten. Bereits ein halbes Jahr vor dem Wahltermin konnten sich junge Potsdamer im Alter von 18 bis 28 Jahren über die Internetseite www.ich-waehle-weil.de anmelden und das Motto "Ich wähle, weil..." mit einem Statement ergänzen. 30 Teilnehmer wurden aus den Bewerbern ausgelost und in einem Fotostudio professionell abgelichtet. Sie erhielten Flyer mit ihrem Konterfei und Statement und konnten damit in ihrem Freundeskreis, an Schulen und Jugendclubs für sich werben. Bis Anfang August versuchten die Kandidaten im Internet möglichst viele Stimmen für ihr Gesicht zu sammeln. Die vier Besten kamen auf die Titelseite eines Potsdamer Stadtmagazins.
"Wir haben die Aktion so angelegt, dass die Zielgruppe selbst darin auftritt", sagt Jean-Pierre Winter, Geschäftsführer von medienlabor. Die Potsdamer Kommunikationsagentur betreute die Internetseite des Projekts, das für den Politikaward 2008 nominiert ist. Das Hauptaugenmerk aufs Internet zu legen, sei eine bewusste Entscheidung gewesen, sagt Jean-Pierre Winter. "Was nicht im Netz ist, existiert für viele Jugendliche heutzutage gar nicht mehr."
Auf der Internetseite wurden parallel zur Abstimmung Informationen zur Wahl angeboten. Zudem haben sich mehr als 200 Kommunalpolitiker auf der Seite vorgestellt. Neben dem Profil der Kandidaten war dort ein Kontaktformular eingerichtet und die Politiker verpflichteten sich, jede Anfrage innerhalb von zwölf Stunden zu beantworten. "Nur fünf Prozent der Kandidaten hatten eine eigene Webseite", sagt der Medienlabor-Geschäftsführer. Daher sei es nur über die Webseite von "Ich wähle, weil..." überhaupt möglich gewesen, im Netz an Informationen über die Kommunalpolitiker zu kommen.
Eine Woche vor der Wahl am 28. September organisierten die Verantwortlichen der Aktion einen Chat mit jungen Kandidaten, die zum ersten Mal bei einer Kommunalwahl antraten. Auf diese Weise konnten die Nutzer der Internetseite mit Gleichaltrigen über kommunalpolitische Themen diskutieren.
Ob die Aktion dazu beigetragen hat, mehr Erst- und Jungwähler an die Wahlurnen zu bringen, lässt sich nicht feststellen. "Der Stadt liegen keine Daten darüber vor, wie viele Erstwähler es bei der letzten Kommunalwahl gab", erklärt Winter. Den Erfolg des Projekts belegen dafür die Zugriffszahlen der Webseite: Von Mai bis September 2008 besuchten 15.000 unterschiedliche Leute die Seite.
Ebenfalls zu den diesjährigen Kommunalwahlen in Brandenburg veranstaltete Fritz, das Jugendprogramm vom Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb), drei Tage vor der Wahl am 28. September einen Thementag. Stündlich wurden 30-sekündige Statements junger Brandenburger gesendet, die darin erklärten, warum sie zur Wahl gehen. Bei den Fritz-Machern sind diese Einspieler, bei denen sich die Befragten immer auch kurz selbst vorstellen, ein bewährtes Instrument zur Hörereinbindung. "Es ist wie eine Kommunikation von Hörer zu Hörer. Wir bilden Meinungen ab, transportieren Inhalte, die als Denkanstoß dienen können", sagt die stellvertende Chefredakteurin Aneta Adamek. Besonders bei Themen, die schwierig an junge Leute zu vermitteln sind, sei es wichtig, den richtigen Ton und die passende Umsetzung zu finden.
Einen weiteren Programmpunkt bildete eine Talk-Stunde mit den Hörern über die Gründe, zur Kommunalwahl zu gehen. "Da haben die Leitungen geglüht", sagt Aneta Adamek. Viele der jungen Anrufer seien zudem sehr gut auf das Thema vorbereitet gewesen. Außerdem war am Thementag ein 18-jähriger SPD-Kandidat aus Potsdam zu Gast im Studio. Die Moderatoren unterhielten sich mit dem Nachwuchspolitiker über seine Motive, politisch aktiv zu werden, aber auch darüber, welche Hobbys er hat und welche Bands er hört. Der Kandidat trat so als Beispiel für einen Jugendlichen auf, der sich engagiert, und gleichzeitig als Identifikationsfigur.
Gezielt auf die junge Zielgruppe schnitten auch die Madsack Heimatzeitungen (Garbsen) ihre Serie zu den niedersächsischen Kommunalwahlen 2006 zu. Auf Panoramaseiten erklärten sie Jungwählern das komplizierte Wahlsystem mit den fünf Stimmzetteln. Zwei Monate lang sammelten die Redakteure alle dafür benötigten Daten und Informationen zusammen. "Wir wollten Aufklärungsarbeit leisten", sagt Chefredakteur Peter Taubald.
Da in Niedersachsen seit 1996 das kommunale Wahlrecht ab 16 gilt, gingen die Heimatzeitungen mit den Sonderseiten direkt in die weiterführenden Schulen des Verbreitungsgebietes. Mithilfe eines Sponsors wurden Ausgaben mit den Wahl-Seiten für die Schulen finanziert, die von den Lehrern bestellt werden konnten. Mehr als 40 Schulen nahmen das Angebot wahr, bezogen die Zeitungen mit der Wahlserie kostenfrei und setzten sie im Unterricht ein.
"Das hatte einen direkten Nutzwert in der Schule, da die Lehrer so aktuelle und lokale Unterrichtsmaterialien einsetzen konnten, die ihnen sonst nicht zur Verfügung stehen", sagt Taubald. Ein Jahr nach den Wahlen legte die Redaktion nach: In einer zweiten Serie begleiteten Jugendliche die Kommunalpolitiker und berichteten darüber auf Panoramaseiten. Auch diese Serie wurde als Schul-Projekt angeboten.
von Jan Steeger |