Krieg und Katastrophen im Kinderzimmer: Kindermedien brauchen Qualitätsstandards

von Redaktion | Sep 15, 2011 | Comments Off on Krieg und Katastrophen im Kinderzimmer: Kindermedien brauchen Qualitätsstandards
 
Jugenddrehscheibe, top , , ,

Werkstattbericht

Erdbeben, Kriege, Katastrophen: Immer neue Katastrophenmeldungen kommen aus aller Welt. Sie erreichen Erwachsene und Kinder gleichermaßen. Krisen-Nachrichten machen Kindern Angst. Die Medien stehen in der Verantwortung. Sie müssen Mädchen und Jungen über die Ereignisse in kindgerechter Weise informieren und ihnen dabei helfen, die Nachrichten einzuordnen.


Längst hat sich die Ansicht bei Kindermedienmachern gewandelt, man könne die Katastrophenmeldungen vor den Kleinsten verbergen und Kinder müssten nur ordentlich unterhalten werden. Dann klappt es auch mit den Jüngsten. „Das sind überholte pädagogische Vorstellungen. In unserer medial durchdrungenen Welt – mit Fernsehen, Radio, Zeitungen – und durch die Aufregung der Eltern merken Kinder schon in sehr jungem Alter, wenn etwas Außergewöhnliches passiert. Wir können sie vor der Wirklichkeit nicht bewahren“, sagt Maya Götz, Leiterin des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen beim bayerischen Rundfunk (IZI). Das IZI hat nach der Katastrophe im März in Japan eine qualitative Studie gestartet, wie Kinder die Berichterstattung in den Medien erleben.

Befragt wurden mehr als 300 Kinder zwischen 5 und 13 Jahren in Deutschland, 180 in den USA und 160 in Brasilien. Dazu kommen Stichproben aus Hongkong, Südkorea, Kuba oder der Dominikanischen Republik. Die Japan-Studie setzt auf der ersten Untersuchung dieser Art aus dem Jahr 2003 auf. Damals untersuchte das IZI die Auswirkungen des Irakkriegs und der Berichterstattung auf die Kinder.  Dokumentiert sind die Ergebnisse in Kooperation mit der Bundeszentrale für politische Bildung auf deren Homepage im Dossier „Kinder sehen Krieg“.

Die Ergebnisse der neuen Japan-Studie wurden kürzlich erstmals öffentlich präsentiert, bei der Blitz-KinderMedienKonferenz der Bundeszentrale für politische Bildung in Kooperation mit dem IZI in München. In der Untersuchung standen nun Tsunami und Super-GAU im Blickpunkt. Die Kinder malten Bilder ihrer Vorstellungen und Wünsche an die Medienberichterstattung. Dabei habe sich gezeigt, dass die Wahrnehmungen der Kinder vom Umfeld und dem öffentlichen Diskurs beeinflusst werden – und zwar international unterschiedlich. „Was uns, aber auch die Emotionen der Kinder prägt, ist das Agendasetting. Selbst bei Katastrophen ist das Empfinden und Denken der Kinder nicht neutral“, sagt May Götz. So zeichneten die Kinder des Inselstaates Dominikanische Republik ihre Angst vor dem Tsunami. Das Erdbeben spielte keine Rolle. Junge Brasilianer malen statt Tsunami Regen, weil dieser in dem südamerikanischen Land normalerweise für Überschwemmungen verantwortlich ist. In Deutschland beschäftigten sich die 5 bis 13-Jährigen in der Hauptsache mit dem Unfall im Atomkraftwerk und seinen Folgen. Während die Mädchen und Jungen in den USA auf ihren Bildern häufig Sachbeschädigungen zeigten: zerstörte Autos, einstürzende Häuser, sinkende Schiffe. Allerdings seien die Bilder optimistischer als jene von deutschen Kindern, berichteten die internationalen Forscher des IZI. So sind auf den Bildern der amerikanischen Kinder Superhelden zu sehen, die gegen die Katastrophe kämpfen. Und sogar Surfer nutzen die Riesenwelle, um auf ihr zu reiten. Die Stimmung vieler amerikanischer Bilder: “Es wird alles wieder gut.”
Auf die Frage der Forscher, was Kinder vor allem im TV von Katastrophen sehen wollen, waren sich die Jüngsten in der Welt einig: Sie wollen wissen, wie die Menschen mit der Ausnahmesituation klar kommen – tote Menschen möchten sie nicht sehen.

Die Schwierigkeit für Kindermedienmacher liegt in der Darstellung. Qualitätsvolle Berichterstattung für Kinder bedeute, sich in die Kinderperspektive zu begeben, so Maya Götz. „Kinder stellen völlig andere Fragen als Erwachsene“, sagt die Wissenschaftlerin.  „Beim Tsunami wollen sie wissen, wohin die Autos schwimmen. Wenn es im AKW brennt, sorgen wir Erwachsenen uns um die Gesundheit und die Zukunft der Stromerzeugung. Kinder wollen erst mal wissen, wie es zu dem Feuer kam. Wird das nicht erklärt, dann kommt es zu Fehlinterpretationen. So haben viele Kinder in der Studie feuerspuckende Vulkane gemalt.“ Und nicht das brennende Atomkraftwerk.

Kinder brauche eine eigene Berichterstattung. Denn in den Programmen der Erwachsenen bleiben Kinderfragen unbeantwortet, weil niemand sie stellt. „Daher ist es auch nicht optimal, wenn Kinder die Tagesschau sehen. 90 Prozent der Kinder wünschen sich Kindernachrichten“, so Maya Götz. Das weiß auch Volker Stennei. Der Chefredakteur des Hellweger Anzeigers hat vor rund fünf Jahren die tägliche Nachrichten-Seite für Kinder eingeführt. Dort werden lokale und internationale Ereignisse kindgerecht aufbereitet. „Kinder bekommen die Grausamkeiten dieser Welt mit. Wir müssen versuchen, die Fragen zu beantworten, die Kinder haben. Und Kinder stellen solche Fragen, die Erwachsene oft nicht zu stellen wagen: Was passiert mit den eingestürzten Häusern, wo geht der ganze Schutt hin? Da sind hoch spannende Geschichten dabei, die wir so erklären müssen, dass sie auch Erwachsene begeistern“, sagt Stennei.


______________________________________________________________________

Qualitätsmerkmale für die Krisen- und Katastrophenberichterstattung

Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb, ist überzeugt: „Bei der Katastrophenberichterstattung muss es uns darum gehen, auch die jüngsten Mitglieder unserer Gesellschaft zu stärken und ihnen die Mittel an die Hand zu geben, die Geschehnisse der Welt zu verstehen und richtig einzuordnen.“ Deshalb erarbeitete er gemeinsam mit den 150 Kindermedienmachern aus Print, Online, TV und Hörfunk bei der BLITZ-KinderMedienKonferenz „Tsunami und Super-GAU – Für Kinder berichten: Konzepte aus Forschung und Praxis“ der Bundeszentrale für politische Bildung in Kooperation mit dem Internationalen Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) sechs Qualitätsmerkmale für die Krisen- und Katastrophenberichterstattung:

1. Einfach und direkt berichten, Metaphern, zu viele Fachwörter etc. vermeiden
2. Emotionalisierung und Spekulationen vermeiden
=> handwerkliche Aspekte (polyseme Bilder, Themen längerfristig verfolgen), Recherche als Thema
3. Argumente der verschiedenen Seiten berichten => Mehrperspektivität
4. Konfliktlösungsstrategien aufzeigen => Handlungsmacht der Kinder (auch in ihrer Rolle in der Produktion?)
5. Kinder aktiv einbeziehen => Interaktivität, Empowerment/Ventilfunktion, soziale Verlässlichkeit
6. Vernetzung: untereinander, mit Schulen, verschiedene Plattformen

______________________________________________________________________


Autorin: Anke Vehmeier

Comments are closed.