„Kinder bekommen die Grausamkeiten mit”

von Redaktion | Jul 27, 2011 | Comments Off on „Kinder bekommen die Grausamkeiten mit”
 
Jugenddrehscheibe , ,

Seit rund fünf Jahren erscheint im Hellweger Anzeiger eine Seite, die lokale und internationale Ereignisse speziell für Kinder aufbereitet. Auf der Blitz-Kindermedienkonferenz berichtete Chefredakteur Volker Stennei von den Erfahrungen der Redaktion und erklärte, worauf seine Mitarbeiter bei den Kinder-Nachrichten achten müssen. Die drehscheibe sprach mit ihm über das Erfolgsgeheimnis der Kinderseite und die besondere Herausforderung bei kleinen und großen Dramen.



Herr Stennei, merken Kinder überhaupt etwas von solchen Katastrophen wie zuletzt in Fukushima?


Kinder bekommen die Grausamkeiten dieser Welt mit. Genauso wie Erwachsene zappen sie durchs Fernsehprogramm, schauen in die Zeitung, surfen durchs Internet und hören Radionachrichten. Insofern sind sie über solche Katastrophen wie in Japan ganz schnell informiert. Deswegen müssen wir berichten und versuchen, die Fragen zu beantworten, die Kinder haben. Und Kinder stellen oft solche Fragen, die Erwachsene oft nicht zu stellen wagen: Was passiert mit den Autos, die von der Tsunami-Welle weggespült werden, was passiert mit den eingestürzten Häusern, wo geht der ganze Schutt hin? Da sind hoch spannende Geschichten dabei, die wir so erklären müssen, dass sie auch Erwachsene begeistern.


In welcher Form hat der Hellweger Anzeiger versucht, ein solch gravierendes Ereignis kindgerecht zu verpacken?


Indem wir wie bei unserem Ressort „Aus aller Welt“ wegen den Ereignissen in Japan die ursprüngliche Blattplanung an diesem Freitag über den Haufen geworfen haben. Wir haben den Umfang erweitert und auch schon für den Samstag sehr ausführlich berichtet. Für den Sonntag haben wir zusätzliche Arbeitskräfte in die Redaktion bestellt, um nicht nur mit Sonderseiten für Erwachse, sondern auch mit einer Kinder-Sonderseite auf die Katastrophe zu reagieren.


Bis heute berichten sie von der Katastrophe in Japan. Wie hat sich die Berichterstattung seitdem verändert?


Sie hat sich so entwickelt, wie sich die Situation verändert hat. In den ersten Wochen war sie geprägt von der Angst: Was passiert dort in Japan, wird ein Land unbewohnbar, gibt es einen Gau in den Atom-Kraftwerken? Dann kam aber die noch spannendere Diskussion: Was lernen wir daraus? Was bedeutet es für uns, wie gehen wir in Deutschland damit um? Auch darum, den Kindern zu erklären, warum Atomkraftwerke bis vor drei Monaten für die Bundesregierung das Schönste und Sicherste waren. Und plötzlich dann ein absolutes No-Go, von dem man sich so schnell wie möglich verabschieden muss. Man muss also auch Kindern erklären, warum sich solche Diskussionen verändern.


Wie unterscheiden sich das geschriebene Wort und die Bildsprache, die Journalisten für ein junges Publikum einsetzen, von dem, was man Erwachsenen zumuten kann?


Wir dürfen keine Angstfantasien produzieren. Das passiert normalerweise sehr schnell durch die Bilder. Deswegen ist gerade die Bildauswahl auf der Kinderseite eine sehr sensible, die besonderen Gesetzmäßigkeiten unterliegt. Ein Beispiel: Nachdem Saddam Hussein hingerichtet worden war, hat es die Nachricht dazu auch auf unserer Kinderseite gegeben – aber kein Bild, nicht mal eins, als er noch lebte.


Haben Sie auf Ihrer Kinderseite auch vom Tod Osama bin Ladens berichtet?


Selbstverständlich. Auch das haben wir erklärt. Eine hoch spannende Frage, die wir sehr sensibel angepackt haben: Wie kann es sein, das sich die Vereinigten Staaten und weite Teile der westlichen Welt über den Tod eines Menschen freuen? Was hat das noch mit einer zivilisierten Gesellschaft zu tun?


Welche Resonanz bekommt der Hellweger Anzeiger von seinen jungen Lesern und ihren Eltern, und wie lernt die Redaktion aus diesem Feedback?


Es gibt zunächst mal eine in Zahlen messbare Resonanz: Wir sind eine der wenigen deutschen Tageszeitungen, die eine steigende Abo-Auflage hat. Wir wissen aus Erhebungen, dass das ein Resultat unseres Angebotes ist, das Kinder und Erwachsene ganz anders anspricht als noch vor fünf Jahren. Wir lernen von den Kindern bei regelmäßigen Redaktionsbesuchen, die wir ermöglichen. Das Schöne ist, die kommen rein und sagen ganz offen, „das hat mir gefallen, das hat mir nicht gefallen.“ Oder: „Schreibt da mal rüber, oder darüber will ich nichts mehr lesen.“ Außerdem ist unsere Kinderredakteurin Nicole Brückner permanent in Schulen unterwegs. Wir haben gerade ein großes Projekt beendet, das über ein Jahr lang mit 16 Grundschulen gelaufen ist und bei dem es einen ganz engen Draht zwischen der Redakteurin und unseren Lesern gegeben hat.


Gibt es auch so etwas wie lokale Katastrophen, von denen man Kindern erzählen muss?


Selbstverständlich. Ein großer Brand in einer Kleinstadt beispielsweise muss Kindern ebenfalls erklärt werden. Auch da mit ganz besonderer Sensibilität und mit ganz dezenter Bildsprache. Dabei stelle ich allerdings auch immer wieder fest, dass Redakteure in allen Gattungen noch sehr unsicher sind, was eine kindgerechte Sprache und Bildauswahl sind. Hier würde ich mir wünschen, dass in den Journalisten-Ausbildungen – vom Volontariat bis zum Studiengang – der Fokus auch auf junge Leser erweitert wird. Die heutigen Volontäre können am Ende des Volontariates für 80- und 40-Jährige schreiben oder senden, sind aber völlig unsicher, wenn sie es für Neunjährige tun sollen. Dabei müssen wir Journalisten Kinder endlich als ganz normale Leser und Hörer begreifen.



Interview: Andreas Pankratz

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